Zwischen Anspruch und Erschöpfung: Gesundes Arbeiten in Zeiten von Dauerstress und Doppelbelastung

Eine nostalgische Schreibmaschine . Ein Blatt ist zu sehen mit einer großen Überschrift Mental Health

Kennst du das Gefühl, dass dein ganzes Leben ein einziges Jonglieren zwischen Arbeit, Führung, Familie, Partnerschaft, Erwartungen und Ansprüchen ist? So als ob du zwischen den zwei Polen „Funktionieren“ oder „Zusammenbruch“ pendelst und es nichts dazwischen gibt? In meiner Arbeit begegnet mir diese Beschreibung immer wieder, vor allem bei Menschen mit Doppelbelastung.

Wenn dir dieser Zustand bekannt vorkommt, dann lies weiter. Vielleicht kannst du dir ein paar neue Perspektiven für dich mitnehmen.


Wenn Funktionieren zum Dauerzustand wird

Die Stunden verfliegen, der Kopf ist voll, doch diese eine Sache muss noch bis morgen fertig werden. Nur noch das eine. Und ehe du dich versiehst, ist es wieder weit nach Mitternacht. Die Uhr zeigt 1:40. Deine Augen brennen, dein Körper schreit nach Schlaf, aber der Kopf läuft weiter wie eine Maschine, die keinen Abstellknopf kennt.

Du funktionierst.
Weil du es so gelernt hast.
Weil du glaubst, du musst.
Weil du denkst: Wer soll es sonst machen, wenn nicht du?

Und gleichzeitig ist irgendwo in dir diese eine Stimme, die flüstert: „Du solltest endlich mehr delegieren, anstatt alles alleine zu machen.“
Worauf eine andere Stimme vehement antwortet: „Aber nicht bei dieser Angelegenheit! Diese eine Sache hat höchste Priorität.“

Mal wieder so eine Sache, die du nicht delegieren kannst. Denn das müsste gut vorbereitet werden und dafür fehlt dir schlicht die Zeit. Es hieße ja: noch ein weiterer Termin in deinem Kalender (der jetzt schon aussieht wie ein überquellender Papierkorb).

In meiner systemischen Arbeit mit Menschen in verantwortungsvollen Rollen - oft in Doppelbelastung und komplexen Arbeitskontexten - begegne ich genau diesem Muster immer wieder. Ich begleite sie dabei, Wege zu finden, um neue und gesunde Routinen in ihren Alltag zu integrieren, die ihnen mehr Zeit schenken statt zu rauben. Kleine Schritte in Richtung gesundes Arbeiten.

Doppelbelastung - ein unterschätzter Risikofaktor

Schlaflose Nächte voller kreisender Gedanken an all das Unerledigte. To-do-Listen, die einen bis in den Schlaf verfolgen. Ein ständiges Rauschen im Kopf, ein Sausen im Ohr - all das sind Signale deines Körpers, wenn das Glas der Erschöpfung sich langsam bis zum Rand füllt.

Dichten wir nun zwei Kinder hinzu oder einen zu pflegenden Elternteil, dann sprechen wir von Doppelbelastung. Nun ist das Glas voll. Und wie du dir vorstellen kannst, braucht es nicht mehr viel, um aus Erschöpfung in eine Überlastung zu schlittern, die dann nicht mehr tragbar ist.

Erschöpfung kommt nicht plötzlich um die Ecke wie ein unangekündigter Besuch deiner Schwiegermutter. Sie gleicht eher einem lange geplanten Meniskus-OP-Termin, auf den du wartest, während jeder Schritt schmerzt und doch geht es irgendwie weiter.

Wir Menschen sind erstaunlich widerstandsfähig. Es braucht einiges, bis wir weinend vor der Waschmaschine sitzen, weil wir es nicht mehr schaffen, die Buntwäsche in die Trommel zu legen. Das ist übrigens der Moment, wenn das Glas der Erschöpfung überläuft.

Dauerstress ist kein Einzelfall

Um dir nur ein paar Fakten zu nennen, die das Ganze unterstreichen, sind hier ein paar zusammengefasste Ergebnisse von Studien der TK, DAK und Workplace Insights. Ich verlinke sie dir alle am Ende des Artikels, versprochen.

  • Rund 66 % der Menschen in Deutschland fühlen sich häufig oder manchmal gestresst; nur etwa 8 % geben an, gar keinen Stress zu haben.

  • Stressfaktor Nummer eins ist der hohe Anspruch an sich selbst, den 61 Prozent der Befragten angeben.

  • 18 Prozent der Erwerbsbeschäftigten zwischen 30 und 40 Jahren schätzen sich selbst als Burnout-gefährdet ein. Das Burnout-Risiko ist bei den 31- bis 40-Jährigen dreimal so hoch wie bei den anderen Altersgruppen. Grund dafür ist die zunehmende Doppelbelastung, da im mittleren Alter berufliche Verantwortung häufig auf private trifft.

  • Gleichzeitig fehlen in vielen Unternehmen gezielte Maßnahmen, um mentale Gesundheit altersgerecht zu fördern.

Auch ohne diese Zahlen weißt du vermutlich gut, wie es bei dir selbst oder in deinem Umfeld aussieht. Viele Menschen - insbesondere mit Doppelbelastung - sind völlig am Limit und funktionieren dennoch stillschweigend weiter. Tag ein. Tag aus.

Für mich sind diese Zahlen keine Statistik, sondern gelebter Alltag in meiner Arbeit mit Menschen in verantwortungsvollen Doppelrollen.

Warum über Erschöpfung im Job so selten gesprochen wird

In meiner Arbeit sehe ich immer wieder, wie sehr eine stille Scham verhindert, dass Menschen frühzeitig Unterstützung annehmen.

Wenn Menschen im Arbeitskontext überhaupt etwas über ihren mentalen Zustand erzählen, dann eher einer sehr vertrauten Person. Zu groß ist die Scham davor, als krank, schwach oder kaputt angesehen zu werden oder schlimmer noch: zum Gesprächsstoff in der Pausenküche zu werden.

Lieber schweigen sie. Und hey, wer mag es ihnen verübeln. Denn wenn wir ehrlich sind, dann ist allein das Wort Erschöpfung – ganz zu schweigen von Burnout oder Depression – in unserer Gesellschaft leider immer noch ein Makel. Ein Zeichen von Schwäche. Etwas, das so unangenehm ist, dass darüber nur mit ganz ausgewählten Personen gesprochen werden kann.

An dieser Stelle möchte ich dich, wenn du dich in diesem Zustand befindest oder jemanden kennst, der darin steckt, einmal entlasten:

Erschöpft zu sein und das Gefühl zu haben, nicht mehr zu können, ist kein Makel, keine Schwäche und mit dir ist auch nichts falsch. Ganz im Gegenteil. Dein Körper reagiert völlig richtig und angemessen auf einen unzumutbaren Zustand und signalisiert: „Achtung! Gib Acht! Da stimmt was ganz gewaltig nicht. Da ist etwas im Ungleichgewicht.“ Es ist eine liebevolle, aber gleichzeitig nachdrückliche Botschaft deines Systems - deines Körpers - an dich.

Wenn Arbeitsbedingungen Erschöpfung verstärken

Doch das Problem der zunehmenden Erschöpfung und Burnout-Gefährdung hat noch ganz andere Komponenten: die Leistungsgesellschaft, die Allzeit-Erreichbarkeit, die Reizüberflutung und nicht zuletzt fehlende oder unzureichend gelebte Maßnahmen im Bereich Mental Health in Unternehmen.

In meiner Arbeit sehe ich immer wieder, wie Überlastung dort entsteht, wo Erwartungen dauerhaft hoch bleiben, Pausen wegfallen, Rollen unklar sind und Menschen zwischen Meetings, E-Mails und privaten Verpflichtungen keine Zeit haben zum Innehalten und Reflektieren. Überlastung entsteht meist dort, wo Verantwortung wächst, ohne dass gleichzeitig Entlastung mitgedacht wird.

Hinzu kommt, dass Menschen im Arbeitskontext häufig nicht im Ganzen betrachtet werden, sondern vor allem als Ressource, die produktiv zu sein hat. Wie diese Ressource Mensch jedoch gesund, präsent und leistungsfähig bleiben kann, erschöpft sich in vielen Unternehmen noch immer in vereinzelten Angeboten, wie etwa einem Wellpass für ein Fitnessstudio.

Dabei wissen wir längst, dass zu einem gesunden Menschen nicht nur ein gesunder Körper gehört, sondern ebenso mentale und psychische Gesundheit. Dennoch werden private Themen, die Mitarbeitende auch im Arbeitsalltag im Gepäck haben - wie kranke Kinder, pflegende Angehörige, Trennung oder Trauer - in vielen Organisationen schlicht ausgeblendet.

Was schätzt du, wie viel mehr Krankheitstage und Ausfälle verhindert werden könnten, wenn Mitarbeitende Angebote bekommen, um an ihrer mentalen Gesundheit zu arbeiten? Hier entscheidet sich, ob Arbeit krank macht oder gesund gestaltet werden kann.

Und genau hier setze ich in meiner Arbeit in Unternehmen an: Führungskräfte und Teams dabei zu begleiten, frühe Anzeichen von Erschöpfung zu erkennen und gesundheitsförderliche Arbeitsstrukturen und Routinen zu entwickeln.

Gesundes Arbeiten: Wie sähe eine gesunde Arbeitswelt aus?

Ich stelle mir eine Arbeitswelt vor, in der wir Menschen auch im beruflichen Kontext im Ganzen betrachten. Mit ihren Lebensgeschichten, Prägungen, Erfahrungen und aktuellen Belastungen.

Eine Arbeitswelt, in der Arbeitgebende nicht nur über mentale Gesundheit sprechen, sondern echte Räume dafür schaffen: Zeit, Ansprechpersonen, Begleitung. In der belastende Themen nicht bis zum Zusammenbruch ausgehalten werden müssen, sondern frühzeitig aufgefangen werden können.

Eine Arbeitswelt, in der mentale Gesundheit nicht zwischen Tür und Angel passiert, sondern Teil der Unternehmenskultur ist. So selbstverständlich wie körperliche Gesundheit. Vielleicht begleitet durch Coaches, Berater*innen oder Therapeut*innen und ja, auch während der Arbeitszeit.

Eine Arbeitswelt, in der mentale Gesundheit nicht als Nice-to-have gilt, sondern als essenzieller Bestandteil gesunden Arbeitens. Als etwas, das nicht nur dem einzelnen Menschen dient, sondern auch dem Unternehmen: durch klarere Entscheidungen, stabilere Teams und weniger Ausfälle.

Genau hier begleite ich Unternehmen und Menschen - an der Schnittstelle zwischen Mensch, Arbeitsbedingungen und Unternehmenskultur.

Ich glaube, unsere Arbeitswelt wäre dann eine andere.

Vielleicht hätten wir weniger Fehlzeiten, weniger Ausfälle, weniger Kündigungen durch Erschöpfung, Burnout und Dauerstress. Vor allem aber hätten wir mehr Menschen, die präsent und gesund arbeiten können, weil sie gesehen werden: als ganze Menschen.


Eine Einladung an Führungskräfte und Verantwortliche

Wenn du selbst Arbeitgeberin, Gründer*in, Führungsperson oder HR-Verantwortliche*r bist, lade ich dich ein, einmal ehrlich hinzuschauen:

  • Wo steht dein Unternehmen aktuell in Bezug auf mentale Gesundheit und Stressprävention und was fühlt sich daran stimmig an, was vielleicht noch nicht?

  • Wie erleben Führungskräfte und Mitarbeitende die vorhandenen Angebote im Arbeitsalltag?

  • Wie wird in eurem Team und in eurer Organisation mit Belastung umgegangen, wenn sie sichtbar wird?

  • Und wie sorgst du in all dem auch für dich selbst?

    Wenn dich diese Fragen bewegen, begleite ich dich und dein Unternehmen gern dabei, gesundes Arbeiten nicht nur zu denken, sondern gemeinsam Schritt für Schritt im Arbeitsalltag zu verankern.


Kleine Wahrnehmungs-Impulse für deinen Alltag

Als kleine Einladung zum Innehalten - unabhängig von deiner Rolle oder Funktion - hier ein paar kleine Wahrnehmungsimpulse für Zwischendurch oder vor einem Meeting. Vielleicht ist das ein erster Anfang, wieder in Kontakt mit dir selbst zu kommen:

  • Nimm ein paar tiefe Atemzüge und lass die Ausatmung doppelt so lang werden wie deine Einatmung (z.B. 4 Sekunden ein, 8 Sekunden aus; 4–5 Wiederholungen).

  • Stell dich aufrecht hin und schau dich langsam im Raum um, bewege dich dabei in Zeitlupe und nimm bewusst wahr, was du siehst.

  • Klopfe mit allen Fingerspitzen sanft auf deinen Brustkorb, lass es zu einem leichten Trommeln werden. Öffne dabei den Mund.

  • Schließe die Augen, entspanne Stirn und Gesicht, lass die Schultern hängen und zähle langsam bis 30. Öffne dann deine Augen und spüre nach.


Wenn du Lust hast, gesundes Arbeiten in deinem Unternehmen bewusster zu gestalten oder für dich selbst neue Wege zu finden, melde dich gern für ein kostenfreies Erstgespräch. Ich freue mich darauf, dich kennenzulernen.

📩 Schreib mir gerne an: hallo@julianafrank.com


Und hier die versprochenen Links zu den Studien:

https://dearemployee.de/workplace-insights/workplace-report-2025/

https://www.tk.de/resource/blob/2207446/19c9824592652569ea05973fbdc1b6c9/tk-stressreport-2025-data.pdf

https://www.dak.de/dak/unternehmen/reporte-forschung/psychreport-2025_91766


Über die Autorin

Juliana Frank ist Expertin für gesundes Arbeiten sowie Systemische Beraterin & Coach. Sie begleitet Menschen und Unternehmen dabei, Arbeit so zu gestalten, dass mentale Gesundheit, Sinn und Leistungsfähigkeit miteinander vereinbar bleiben.


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